Geschichte von Rudow - Übersicht


" Majestät, essen Sie ruhig, es gibt nischt mehr!"

Einmal im Jahr besuchte Kaiser Wilhelm II. Rudow

Rudow nimmt in Groß Berlin eine der wenigen Sonderstellungen ein; denn es ist Dorf im eigentlichen Sinne geblieben, entbehrt aber trotzdem nicht das Angenehme der Großstadt", stellte mein früh verstorbener Freund Wilhelm Reichner fest, als er auf seinen "Wanderungen durch den Kreis Teltow" 1925 in den Neuköllner Ortsteil kam.
Was würde er wohl heute sagen, wenn er die vornehmlich auf Rudower Boden angelegte Gropiusstadt Berlin-Buckow-Rudow sehen könnte, mit ihren himmelhohen Häusergiganten, unter denen sich das mit 31 Geschossen höchste Wohnhaus Deutschlands befindet. Noch vor fünf Jahren ist man hier durch wogende Kornfelder gegangen und hat Wieneckes "Jungfernmühle" an der Rudower Straße als weithin sichtbaren Orientierungspunkt gehabt. Jetzt muß man das sagenumwobene Bauwerk eines romantischen Zeitalters mühsam suchen, versteckt es sich doch in einer rasch aufgeschossenen Wohnsiedlung. Aber die Windmühle ist wenigstens noch vorhanden.
Ungefähr gleichzeitig mit der Gropiusstadt wurde im Süden Rudows, an der Grenze des Landes Berlin gegen den Kreis Königs-Wusterhausen, die Andreas-Hermes-Siedlung angelegt: bäuerliche Musterbetriebe für Heimatvertriebene und Flüchtlinge, die in der Landwirtschaft gearbeitet haben. Voll- und Nebenerwerbsstellen mit schmucken Wohnhäusern garantieren, daß dem "Dorf" Rudow das Lebenslicht noch nicht ausgeblasen ist. An der Großziethener Chaussee nahe dem stillgelegten Bahnhof Rudow der Neukölln-Mittenwalder Eisenbahn sorgt zudem eine "Ponderosa-Ranch" mit einem halben Dutzend geduldiger Ponys dafür, daß die liebe Jugend am ländlichen Leben teilhaben kann. Als der Kabarettist Joachim Ringelnatz, der laut Telefonbucheintrag eigentlich Kunstmaler war, sein Bild "Im Frühling" malte, hat er einmal geklagt: "Nun habe ich zwei Tage lang kreuz und quer Berlin durchreist, und nirgends finde ich ein Ackerfeld." Anscheinend hat er den Weg vom Sachsenplatz in Westend nach Rudow nicht gefunden; denn hier gibt es bis heute weite Ackerflächen mit verträumten Feldpfuhlen, trotz aller Siedlungsbestrebungen der letzten Jahre.

Eine von diesen ist der über hundert Morgen große Kirchenacker zwischen dem Ostburger Weg und der sich an der Landesgrenze totlaufenden Köpenicker Straße. Hier ist die weite Ausblicke bietende "Rudower Höhe" aufgetürmt. Momentan noch ein von Unkraut überwucherter Schuttberg, der von 1970 an zu einer Parkanlage umgewandelt werden soll.

 

Doch zurück zum "Dorf" Rudow, dessen Name auf das slawische "ruda" für Raseneisenstein zurückgeführt wird. Mit diesem heimischen Erz hat nicht nur der Alte Fritz seine Kriegsproduktion bestritten, auch die bis heute wohlerhalten gebliebene Stadtmauer des Städtchens Dahme im Süden der Mark Brandenburg wurde damit aufgetürmt.

Rudows Dorfstraße heißt nicht - wie man erwarten sollte - "Alt-Rudow". Sie wurde 1950 Prierosser Straße genannt. Bis dahin hieß sie Bendastraße - und das mit sehr viel mehr Berechtigung als die gleichnamige Straße am Kranoldplatz in Neukölln. Dem unscheinbaren, auch sehr verwahrlosten Haus Prierosser Straße 61/63 sieht man heute nicht mehr an, daß es einmal das Gutshaus und als solches fast ein halbes Jahrhundert lang der Wohnsitz eines bedeutenden Mannes war. Der Regie-rungsassessor Robert v. Benda aus einer berühmten Musikerfamilie, deren jetziger Repräsentant sein Enkel, Generalmusikdirektor Hans v. Benda, ist, hatte sich nach 1848 durch freiheitliche Anschauungen bei seinen Vorgesetzten mißliebig gemacht und sollte nach Gummibooten "in die Wüste geschickt" werden. Kurzerhand erbat er die Entlassung aus dem Staatsdienst, kaufte 1853 das Gut Rudow für 65000 Taler und baute hier seinen Kohl, ohne jedoch die Politik zu vernachlässigen. Robert v. Benda war Mitbegründer der nationalliberalen Partei, die er seit 1858 im preußischen Landtag und in den Jahren 1867 bis 1898 im Reichstag vertrat. Obwohl Benda seiner liberalen Gesinnung treu blieb, hat ihn der stockkonservative Kaiser Wilhelm II. sehr geschätzt und ihm sogar in seinen Memoiren "Ereignisse und Gestalten" anerkennende Worte gezollt:

Robert von Benda
Robert von Benda

"Einer Einladung auf den Landsitz Bendas, Rudow bei Berlin, bin ich gern gefolgt. Daraus entstand ein regelmäßiger Besuch einmal im Jahre. Die Stunden im Rudower Familienkreise, in denen von den talentierten Töchtern die Musik eifrig gepflegt wurde, sind mir in guter Erinnerung geblieben. Die politischen Gespräche zeigten, daß Herr v. Benda einen weiten Blick besaß. Er hat mir manchen wertvollen Rat für die Zukunft erteilt."

 

Wie der Herr, so das Gescherr, sagt das Sprichwort, an das man unwillkürlich denkt, wenn man aus den Erinnerungen alter Rudower an die Kaiserbesuche ein oder die andere Anekdote hört. Der sonst auf dem Bock der Herrschaftskutsche thronende Franz Girlich mußte dann mit weißen Glacés an den Händen bei der Tafel aushelfen. Als der Kaiser einmal dem zweiten Gang kaum zusprach, beugte sich der vollbärtige Artillerist von 1870 zu ihm mit den Worten: "Majestät, essen Sie ruhig, es gibt nischt mehr." Ein anderes Mal wollte S. M. noch ein Glas Rotwein haben, worauf Girlich dem Kaiser ins Ohr flüsterte: "Majestät, der is alle, aber unter uns gesagt, der weiße is ooch jut!"

Auch dem Haus Prierosser Straße 48, dem Gutshaus schräg gegenüber, sieht man seine Vergangenheit nicht an. Und doch ist der graue Steildachbau das älteste Privathaus Berlins. Um 1660 vom kurfürstlichen Lustgärtner Michael Hanff errichtet, wurde es 1704 im Adreßkalender, dem Vorläufer unserer Adreßbücher, als eines der "vornehmsten Lusthäuser" des Königs gerühmt, der damals gern zu der äußerst ergiebigen Niederjagd nach Rudow kam. Aber im benachbarten "Lindenpark" konnte er noch nicht frühstücken, das gab es noch nicht. Das altertümliche Haus ist erst 1848 erbaut worden und das die Prierosser Straße malerisch abschließende Büdnergut Krokus-straße 80 zwölf Jahre früher. Beide Häuser geben noch mit einigen anderen zusammen die dörfliche Idylle von einst wieder, die besonders beredt zum Ausdruck kommt, wenn mittwochs und sonnabends der Wochenmarkt aufgeschlagen wird.
Kurt Pomplun

(Artikel im ----Anzeiger - vollständiger Name der Zeitung nicht bekannt), Sonntag, 9.November 1969, Seite 7